Heute um 23.00 Uhr endet die Abstimmung für die Google Impact Challenge (GIC). In einem mehrmonatigen Verfahren wurden von einer Jury zehn sogenannte „Leuchtturmprojekte“ und „200“ lokale Projekte ausgesucht. Google.org, die firmeneigene Stiftung, vergibt insgesamt 3,75 Millionen Euro, und lässt Besucher*innen ihrer Seite abstimmen, welche Projekte davon unterstützt werden. Das erinnert an Giving Games, die von EA-Organisationen veranstaltet werden. Wer an einem Giving Game teilgenommen hat, weiß wie schwierig es ist innerhalb von eineinhalb Stunden zwischen zwei Organisationen zu entscheiden. Zudem liegen zu den an der GIC teilnehmenden Hilfswerken keine Berichte von unabhängigen NGO-Bewertungsorganisationen vor. Die am Finale der Challenge teilnehmenden Organisationen wurden von einer zehnköpfigen Jury ausgewählt, diese hat sich mit den Hilfswerken hoffentlich ausführlich auseinandergesetzt und könnte die Gründe für die Auswahl der einzelnen Finalistinnen transparent machen, etwas das bei Diensten wie GiveWell.org absoluter Standard ist. Das hat sie leider nicht gemacht. Zu jeder Organisation findet man einen kurzen Absatz darüber, was sie macht und einen Link zu ihrer Webseite. Das ist bedauerlich, hier Google.org die Chance verpasst, praktisch zu demonstrieren, wie man Organisationen auf den Zahn fühlt. Zwar findet man auf der Webseite vier Kriterien, auf die ich gleich näher eingehe, aber eben nicht, inwieweit und warum die einzelnen NGOs ihnen genügen. Hier die Beschreibung dieser Kriterien, so gesehen auf der Webseite der GIC:

1. Bedeutung für die Gemeinschaft: Das Projekt wirkt sich positiv auf die Lebenssituation einer lokalen oder größeren Gemeinschaft aus oder unterstützt Organisationen in ihrer alltäglichen Arbeit.

2. Innovation: Das Projekt nutzt digitale Hilfsmittel oder einen kreativen Ansatz, um ein bisher ungelöstes Problem zu beheben

3. Realisierbarkeit: Das Projekt kann erfolgreich von der sich bewerbenden Organisation durchgeführt werden.

4. Reichweite: Das Projekt hat das Potenzial, ein Vorbild für andere Gemeinschaften oder Organisationen zu sein oder einer großen Anzahl von Menschen zu helfen.

Grundsätzlich klingen die Kriterien sinnvoll. NGOs zu bewerten ist sehr schwierig, daher bedient man sich venünftigerweise Faustregeln, die auch Heuristiken genannt werden. Wenn man weiß, dass der Ansatz einer NGO innovativ und realisierbar ist, dann ist er zwar nicht zwingend effektiv, aber eben mit einer höheren Wahrscheinlichkeit als Ansätze, die weniger innovativ und realisierbar sind. Im Internet benutzen viele klassischen Anbieter, wie z.B. Charity Navigator, Heuristiken, die wenig über die Effektivität von NGOs aussagen, wie z.B. welchen Anteil ihrer Einnahmen sie für das Fundraising und die Verwaltung verwenden. Warum das so ist, wird in diesem Artikel (Englisch) ausführlich begründet. Hier hat Google.org eine gute Entscheidung getroffen.
Betrachtet man die Kriterien kritischer, fallen zwei Dinge auf. Erstens wird nicht unterschieden, ob Projekte eine große oder geringe Bedeutung für die Gemeinschaft haben, Hauptsache also, dass sie irgendwie positiv auswirken. Das ist unter ethischen Gesichtspunkten schwer vertretbar. Bücher an Flüchtlingscamps im Libanon zu schicken wirkt sich sicher positiv auf das Leben der Geflüchteten aus, aber wenn man mit dem selben Geld hätte Zelte und Medikamente kaufen können, erscheint der Kauf von Büchern geradezu als Verschwendung. Alternativ, also wenn es nicht direkt einen positiven Beitrag leistet, kann ein Projekt auch Organisationen in ihrer alltäglichen Arbeit unterstützen, doch auch hier fragt man sich, warum es keine Rolle spielt, wie effektiv diese Unterstützung ist und wie sinnvoll die Arbeit der unterstützen Hilfswerke ist. Es muss doch eine Rolle für die Effektivität einer NGO spielen, ob das Hilfswerk, das sie z.B. bei der Auswertung seiner Daten unterstützt, Malaria bekämpft oder Rauchern per App den nächsten Zigarettenautomat zeigt.
Der zweite Punkt, der bei der Betrachtung der Kriterien auffällt, ist dass nicht dargelegt wird, welche Ethik ihnen zugrunde liegt. Es ist illusorisch zu glauben, man könnte Hilfswerke rein objektiv vergleichen, ohne einen ethischen Standpunkt zu vertreten. Wenn das Leid von Tieren für mich von ähnlicher Bedeutung wie menschliches Leid ist, werde ich ein Tierhilfswerk bevorzugen, sofern es viel effektiver ist als eine Organisation, die nur Menschen hilft. Falls mir nur das Wohl von Menschen in meiner Nähe wichtig ist, werde ich mich für eine lokale NGO entscheiden, sofern alternativ nur Organisationen, die in Entwicklungsländern arbeiten, zur Wahl stehen. Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf fragt man sich, was Google.org unter einer Gemeinschaft versteht. Muss diese Gemeinschaft in Deutschland sein? Wenn man die Finalisten der GIC ansieht, ist das wahrscheinlich. Die Auswahl so einzuschränken ist eine gewichtige ethische Entscheidung. Da stellt sich einerseits die Frage, welche anderen ethischen Entscheidungen die Jury noch getroffen hat und andererseits, ob diese Entscheidungen das Resultat ethischer Überlegungen waren oder intuitiv, vielleicht sogar unbewusst getroffen wurden. Orientierte sich Google.org an den Werten der Mehrheit der Teilnehmer*innen oder wurden die ethischen Grundlagen durch einen Konsens der Jury bestimmt? Falls die Jury entscheiden durfte, sollte ihre Zusammensetzung dann nicht auch von den ethischen Ansichten der Mitglieder abhängen und sollten diese Ansichten nicht unbedingt transparent sein? Versucht man diesen Fragen auszuweichen, landet man schnell in der Beliebigkeit und das scheint bei der GIC geschehen zu sein. Anders lässt es sich nicht erklären, dass sich unter den besten zehn Leuchtturmprojekten eines, das zeigt wo man Äpfel pflücken kann, und eines, das mit erster Hilfe Leben rettet, gleichwertig gegenüberstehen.

Die endgültige Entscheidung fällen aber die Besucher der Seite g.co/Ehrensache. Das Verhalten von Spender*innen wird oft als irrational und impulsiv kritisiert, weil sie ihre Entscheidungen aufgrund von Werbung oder persönlicher Ansprache durch Fundraiser treffen. Diese Optionen bestehen hier nicht. Es ist also durchaus möglich, dass das Ergebnis der Abstimmung Stoff zum Nachdenken liefert.